Rolf Verres der Musensohn

 

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Der Musensohn



Der Schmerz sticht tief ins Herz. Rolf Verres packt die Saiten im geöffneten Klavierflügel im Würgegriff, knallt mit voller Wucht in die Tasten, schlägt mit beiden Händen zu, immer wieder. „Das ist mein ,Wiegenlied für George W. Bush'“, sagt der Facharzt für psychotherapeutische Medizin und Leiter des Instituts fürMedizinische Psychologie am Universitätsklinikum Heidelberg. Momentan fädeln fein geschmiedete Tonketten aus seinen Fingern. Die Ruhe nach dem Sturm. Dann schlägt er wieder zu, wieder und immer wieder. Die Kriege zwischen dem Frieden.

Rolf Verres braucht die Musik. Mit ihrer Hilfe befreit er viele seiner Patienten aus den Kämpfen mit ihrer Seele, lindert ihr Leiden an chronischem Schmerz, an Sucht und Krebs. „Ein beseeltes Instrument“, schwärmt er für den 66 Jahre alten Flügel von August Förster. „Dieses Instrument aus dem Jahr, in dem der Zweite Weltkrieg begann, passt genau zum Lied für Bush.“ Der Flügel steht im Hauptraum seines mitten in der Altstadt gelegenen Instituts. Der Raum ist Hörsaal, Konzertraum, Musiktherapiezentrum und Museum für eine Sammlung von Percussionsinstrumenten aus aller Welt.

Im Vorraum zieht eine Teakholzwurzel von rund zwei Meter Durchmesser den Blick an. „Diesen Tisch bewundern viele“, sagt er und lächelt. „Anfangs wollte ihn keiner außer mir, doch auch als Chef durfte ich ihn nicht einfach anschaffen.“ Er gründete eine Kommission. Sie beriet über die Ausstattung des Raumes und beschloss, den Tisch zu kaufen. Einziges Kommissionsmitglied: Rolf Verres.

An das Foyer schließen sich noch Seminarräume an und ein Tonstudio, in den drei oberen Stockwerken sind Büro- und Behandlungsräume. Der Professor fühlt sich hier so sehr zu Hause, dass ihn 1993 auch der Ruf an einen finanziell weit besser ausgestatteten Lehrstuhl in Wien nicht weglockte. „In diesen Räumen entwickelte sich über die Jahre so viel positive Energie, die das Arbeiten fördert.“

An den Wänden hängen Fotografien von seinen Reisen und Erkundungen in aller Welt. Sie verströmen Gefühle von Aufbruch, Sehnsucht und Bodenständigkeit. Er fotografiert mit dem Herzen. Gelernt hat er es nie, aber geschult seit Schülertagen. Im Geiste komponierte er Bilder rund um einen Baum vor dem Klassenzimmerfenster und entkam so der Langeweile des Lateinunterrichts. Nach Schulschluss trieb es ihn an seine Gitarre und zu seinen Freunden. Als Rhythm-and-Blues-Band „The Gate Ghosts“ begeisterten sie damals in der Region alle, die zärtliche Popmusik mochten.

An die Schule erinnert Verres nicht viel, was ihn bewegte. Prägendes sog er aus familiären Wurzeln. Die Ironie und Souveränität, mit der sein Vater den Dienst als Vizechef des Finanzamts in Coesfeld versah, beeindruckte ihn. Auf eine Eingabe, wie man bei der Besteuerung unterscheiden solle zwischen der Schweinehälfte, an welcher der Schwanz hängt, und der anderen, reagierte er in gereimten Worten.


Mutters Butterplätzchen

Als Rolf Verres von früher erzählt, fallen ihm die Butterplätzchen seiner Mutter ein. Er holt ein säuberlich eingewickeltes Päckchen aus dem kleinen Schrank im Behandlungszimmer. Es ist eingerichtet wie ein Wohnzimmer. Bequeme Möbel, Bilder, ein weißes Klavier, keine Aktenordner, kein Schreibtisch, nur ein Spiralblock für Notizen. „Meine Mutter backt sie selber, immer diese eine Sorte“, sagt er und reicht Schokolade dazu. Die 82-Jährige vergisst nie, rechtzeitig Nachschub zu schicken, seit Jahren. Nach Kriegsende führte sie zeitweise einen Zehnpersonenhaushalt, engagierte sich kommunalpolitisch und baute eine Musikschule für 900 Kinder auf. „Sie zeigte, was sich bewirken lässt, wenn man Kultur fördert, wie Kultur entsteht und wie man Menschen an Musik heranführen kann“, erzählt er.

Eines Tages bat sie ihren Sohn, einer älteren Frau in der Nachbarschaft zu helfen, den Mülleimer hinauszuschaffen. „Die Frau war nett. Sie zeigte mir ihr Klavier. Eigentlich hatte ich nie Lust, ein solches Instrument zu spielen. Ich wollte aber von dieser Frau unbedingt etwas lernen.“ Die Klavierlehrerin sprach mit ihm über Philosophie, lehrte ihn die Noten, vor allem aber den Unterschied zwischen Dilettantismus, Arbeit und Können. „Konnte ich ein Stück gut, durfte ich an den Flügel, zum Üben genügte das Klavier. Das spornte mich an.“

Im bewegten Jahr 1968 stand er an einem Scheideweg: Sollte er Medizin studieren oder Psychologie? Er entschied, parallel beides zu belegen und nahm einige Hürden in Kauf, bis das Doppelstudium genehmigt war. Gestaltpsychologe Wolfgang Metzger brachte den jungen Studenten durch seine anschauliche Weise, Lehrstoff zu vermitteln, auf den Pfad der Medizinischen Psychologie. Ein Stipendium der Studienstiftung des deutschen Volkes weckte seinen Ehrgeiz endgültig: „Das Vertrauen, das diese Leute in mich setzten, wollte ich nicht enttäuschen.“

Die Musik spielte vorübergehend eine passive Rolle, weil ihn ein Autounfall lähmte, den er mit 19 Jahren erlitt. Er brauchte drei Jahre, bis er seine Hand wieder richtig bewegen konnte. „In dieser Zeit wuchs meine Sehnsucht nach Musik und nach dem Klavierspiel ins Unermessliche. Als ich wieder ans Klavier konnte, spielte ich weit beseelter als zuvor.“ Seither hielt ihn nichts mehr ab; im Institut und zu Hause umgeben ihn mehrere Instrumente; kommt er auf eine Tagung, fragt er, wo das Klavier steht; auf Kongressen konzertiert er vor tausend Kollegen; befreundete Musiker aus aller Welt gastieren in Heidelberg zum gemeinsamen Auftritt. Verres empfindet Musik als reine Energie. Er spürt dem Kern, der Wurzel nach und ertastet feinste Zwischentöne – mit der Kamera, am Klavier und im therapeutischen Gespräch.

Aktives Hinhören, innere Stimme und ein Gespür für Resonanz weisen ihm den Weg ins Zentrum der Seele seiner Patienten. Er vermag sie zu berühren und regt sie dadurch an, sich zu heilen, er will sie eigene Energiefelder entdecken lassen, die ihnen Wege in ein erfüllteres, glücklicheres Leben eröffnen. Rolf Verres lässt sich ein.
Erfahrungen aus kontrollierten Drogenselbstversuchen in den siebziger Jahren nutzte er, um sich in seine Patienten einzufühlen.

Beruflich lief alles in festen Bahnen. Nach dem Studium in Münster, Heidelberg und Stanford in Kalifornien promovierte er 1977 am Lehrstuhl für Arbeits- und Sozialmedizin Heidelberg, arbeitete in Kliniken in Heidelberg und Weinsberg, schrieb eine preisgekrönte Habilitation über „Krebs und Angst“ und nahm danach, im Jahr 1987, eine Professur für Medizinische Psychologie am Universitätskrankenhaus Hamburg-Eppendorf an. „Hier war ich ein knechtlicher Arbeiter, der mit der Arbeitsmappe unterm Arm über ein Firmengelände ging“, sagt er. Die Musikhochschule, wo er Psychosomatik lehrte und Improvisation sowie Musikphilosophie lernte, empfand er als „wohltuenden Gegenpol zur Ellbogenwelt in der Klinik. Hier konnte ich durchatmen“, behauptet Verres. „Über die Musik durchdrang mich der Geist von überirdischen Mächten.“


Wollflor statt Linoleum

1991 folgte er einem Ruf nach Heidelberg und brachte in seiner Antrittsvorlesung auf den Punkt, was ihn umtreibt: „Der Arzt, die Wissenschaft und die Musen.“ Alte Verträge verlängerte er nicht, sondern besetzte die Posten seiner Abteilung mit Leuten, die zu seinen Vorstellungen passten. Das sei nicht hart, sondern notwendig: „Man muss als Leiter ein eigenes Energiefeld schaffen.“

Aus einer ähnlichen Haltung heraus kümmerte er sich bei der Ausstattung seines Instituts um alles – bis hin zum Boden. Der Leiter des Universitätsbauamts bestand auf Linoleumbelag, weil er gut zu reinigen sei, Verres wollte blauen Teppichboden, weil die Räume dann wohnlicher wirken. Die Ausweglosigkeit seines Kampfes trieb ihm schließlich Tränen in die Augen. Sie erwärmten den Amtsleiter – nun liegt weicher Wollflor im Institut.

Die zunehmende Härte im Fachgebiet – unternehmerisch denken, Gelder beschaffen, Rankings erstellen, viel publizieren, effizienter Patientenumsatz – warf ihn nie um, daran wuchs er. Vor dreieinhalb Jahrzehnten wurde die Medizinische Psychologie in den Lehrplan des Medizinstudiums aufgenommen, um Ärzten den Umgang mit Patienten beizubringen, doch noch immer sei das Fach extrem unterbesetzt, kritisiert er. Dabei befinde sich hier die dringend notwendige Brücke hin zu einer ganzheitlich und am Patienten orientierten Medizin.

Viel Wissen schöpft er aus der Heilkunde anderer Kulturen und Naturvölker, wo Leib und Seele nicht wie in der westlichen Medizin als Gegensätze gelten. Er vertiefte sich in interkulturelle Forschung über veränderte Bewusstseinszustände bei Heilritualen. Sein türkischer Freund Oruc Güvenc brachte ihm die altorientalische Musiktherapie nahe.

Als er sich immer mehr der Begleitung von sterbenskranken Menschen zuwandte, entdeckte er für sich einen neuen Zugang zum Gebet und zu mystischen Welterfahrungen. Dabei wurde ihm klar, wie viel im Wandel begriffen ist: Immer mehr Menschen finden in buddhistischen Ritualen Erfüllung ihrer Sehnsucht nach spiritueller Hilfe für Sterbende. Der Softwareunternehmer Dietmar Hopp erfüllte ihm einen Traum. Er schuf 1999 den finanziellen Grundstock für das „Zentrum für Interkulturelle Psychologie“ und ermöglichte den Kauf eines Fazioli-Konzertflügels 308, auf dem er die Alben „Lichtungen“ und „Feuer, Erde, Wasser, Luft“ einspielte.

Große Resonanz erfährt der Medizinpsychologe auch durch seine Bücher. In der „Kunst zu leben“ plädiert er für einen beherzten Umgang mit Krebs. Sein neues Buch, „Was uns gesund macht – ganzheitliche Heilkunde statt seelenloser Medizin“, versteht er als auf jahrzehntelanger Erfahrung gegründetes Postulat für einen offeneren Umgang zwischen Arzt und Patient. Das Team an seinem Institut verpflichtet sich einer am Patienten orientierten Haltung. 15 Psycho- und Musiktherapeuten, Kulturwissenschaftler sowie Statistiker arbeiten in Lehre, Forschung und Therapie, sind aber auch offen gegenüber Publikum und Presse. Besonders großes Medienecho fand die „Heidelberger Kinderwunsch-Sprechstunde“, ein über sechs Jahre angelegtes Projekt, das vielen durch ihre Psyche blockierten Paaren half, in der Krise neue Horizonte zu entdecken.

Und er? Ein Schleier legt sich auf seine Augen. „Je älter ich werde, desto stärker wird die Sehnsucht nach einem eigenen Kind“, sagt Rolf Verres. Seine Frau brachte Kinder in die Ehe mit, ihm schien lange der Zeitpunkt nie geeignet genug. Nun fürchtet er, er sei endgültig vorbei. „Ansonsten habe ich bislang immer erreicht, was ich wollte.“ In ihm klingt sanft ein Wiegenlied für ein nie geborenes Kind.


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Rheinischer Merkur Nr. 36, 08.09.2005






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